Frage an Islam Fatwa:

Welche Bedeutung hat die rituelle Reinheit für die Gültigkeit des Gebets?

Ab wann wird eine Flüssigkeit als rein angesehen, sodass es zur Reinigung verwendet werden darf?

Und unter welchen Umständen tritt reine Erde (tayammum) als Ersatz an die Stelle von Wasser?

Antwort:

(Die Stellung des Gebets im Islam)

Das Gebet ist die zweite Säule des Islam, nach den zwei Glaubenszeugnissen. Das Gebet ist es, was die Muslime von den Ungläubigen unterscheidet; es ist der Grundpfeiler des Islam, und es ist das Erste, worüber man befragt wird, wenn man zur Rechenschaft gezogen wird (am Tag des Gerichts). Daher werden, wenn es korrekt verrichtet und (somit) angenommen wird (von Allah), alle guten Taten eines Menschen angenommen; wird es jedoch zurückgewiesen, so werden alle seine Taten zurückgewiesen.

Das Gebet wird in vielen verschiedenen Zusammenhängen im edlen Qur’an erwähnt, wobei seine verschiedenen Vorzüge betont werden; manchmal befiehlt Allah, es regelmäßig zu verrichten, und manchmal zeigt Er seine Vorzüge auf; zuweilen zeigt Allah den Lohn für seine Verrichtung, und zu anderen Zeiten verbindet Er es mit Geduld, indem Er dazu auffordert, in Bedrängnis Seine Hilfe durch beides (Geduld und Gebet) zu suchen. Daher wurde das Gebet zum Trost der Augen des Gesandten Allahs () in dieser Welt gemacht, da es der Schmuck der Propheten, das Kennzeichen der Rechtschaffenen Diener und die Verbindung zwischen den Dienern und dem Herrn der Welten ist. Das Gebet verhindert darüber hinaus Unmoral und Fehlverhalten.


(Die Notwendigkeit der rituellen Reinheit)

Das Gebet wird nicht als gültig angesehen, es sei denn, derjenige, der es verrichtet, befindet sich – soweit möglich – in einem Zustand sowohl der kleinen als auch der großen rituellen Reinheit. Das Mittel der Reinigung für das Gebet ist entweder Wasser (bei der Gebetswaschung) oder reine Erde (beim tayammum, d. h. trockene Waschung), falls kein Wasser verfügbar ist. Aufgrund dessen pflegten die fuqaha (möge Allah Sich ihrer erbarmen), ihre Bücher damit zu beginnen, die Angelegenheit der Reinigung zu behandeln. Da das Gebet an der Spitze der Säulen des Islam steht, nach den zwei Glaubenszeugnissen, ist es angemessen, mit der Behandlung seiner Voraussetzungen zu beginnen, zu denen die Reinigung gehört, der Schlüssel zum Gebet, wie im folgenden Hadith erwähnt wird: „Der Schlüssel zum Gebet ist die Reinigung.“ Dies liegt daran, dass ein Zustand kleiner ritueller Unreinheit wie ein Vorhängeschloss ist, das jemanden daran hindert, das Gebet zu verrichten. Sobald man jedoch die Gebetswaschung vollzieht, wird dieses Vorhängeschloss geöffnet, da die Reinigung der „Schlüssel“ zum Gebet ist. Somit ist Reinheit eine der zentralsten Bedingungen des Gebets; eine Bedingung, die erfüllt sein muss, bevor die Handlung, die sie voraussetzt, verrichtet wird.


(Bedeutung der Taharah und ihre Arten)

Sprachlich bedeutet Reinheit Sauberkeit und Reinigung von allen materiellen und geistigen Unreinheiten. Rechtswissenschaftlich bedeutet Reinheit die Beseitigung ritueller Unreinheit ebenso wie unreiner Gegenstände. Die Beseitigung ritueller Unreinheit kann durch die Verwendung von Wasser mit der Absicht der Reinigung erreicht werden. Im Fall großer ritueller Unreinheit benutzt man Wasser und wäscht seinen ganzen Körper. Bei kleiner ritueller Unreinheit hingegen wäscht man nur die vier Teile der Gebetswaschung. Man kann den Ersatz für Wasser (nämlich reine Erde) benutzen, wenn kein Wasser vorhanden ist oder man nicht in der Lage ist, es zu benutzen (d. h. man kann stattdessen tayammum verrichten). Wir werden – inscha Allah – erläutern, wie man sich sowohl von kleiner als auch von großer ritueller Unreinheit reinigt.

Lassen Sie uns nun die Eigenschaften des Wassers aufzeigen, das zur Reinigung verwendet wird, und diejenigen des Wassers, das es nicht wird. Allah, Erhaben ist Er, sagt:

﴿ وَأَنزَلْنَا مِنَ السَّمَاءِ مَاءً طَهُورًا ﴾

„… Und Wir senden vom Himmel reines Wasser herab.“ (Surah Al-Furqan: 48)

Allah sagt auch:

﴿ وَيُنَزِّلُ عَلَيْكُم مِّنَ السَّمَاءِ مَاءً لِّيُطَهِّرَكُم بِهِ ﴾

„… Und Er sandte auf euch vom Himmel Regen herab, um euch damit zu reinigen …“ (Surah Al-Anfal: 11)


(Definition des reinen und unreinen Wassers)

Reines Wasser ist das, was ursprünglich rein ist und als Mittel zur Reinigung verwendet werden kann. Es ist auch jenes Wasser, das keine Veränderung erfahren hat (d. h. es behält seine ursprünglichen Eigenschaften), sei es vom Himmel gesandt wie Regen, Schnee oder Hagelwasser, fließendes Wasser wie das Wasser von Flüssen, Quellen, Brunnen und Meeren oder destilliertes Wasser. Dies ist die richtige Art von Wasser, die zur Entfernung ritueller oder körperlicher Unreinheit zu verwenden ist. Es ist jedoch unbestreitbar, dass, wenn sich die Eigenschaften eines solchen Wassers aufgrund eines unreinen Stoffes verändern, es unzulässig ist, es zur Reinigung zu verwenden. Wenn es jedoch nur eine leichte Veränderung ist und durch einen reinen Stoff verursacht wird, ist es zulässig, es als Reinigungsmittel zu verwenden, gemäß der überwiegenden der beiden Meinungen, die von den Gelehrten in dieser Angelegenheit vertreten werden.

Schaykhul-Islam Ibn Taymiyah sagt:

„Es gibt viele Fälle, in denen die Eigenschaften von wenig oder viel Wasser durch reine Gegenstände beeinflusst werden, wie Pottasche, Seife, Lotosbaumblätter, Staub, Teig und ähnliche Dinge, die Wasser verändern können. Zum Beispiel kann Wasser in einen Topf gegeben werden, der Spuren von Lotosbaumblättern enthält, die seine Eigenschaften beeinflussen würden, obwohl das Wasser in diesem Fall nicht vollständig verändert wäre. Die Gelehrten vertreten zwei bekannte Meinungen bezüglich solcher Fälle.“

Ibn Taymiyah erwähnt dann diese beiden Meinungen mit den Beweisen, auf denen sie beruhen. Er unterstützt die Meinung, die besagt, dass es zulässig ist, solches Wasser zur Reinigung zu verwenden, indem er sagt:

„In der Tat ist dies die zutreffende Meinung, denn Allah sagt:

﴿ فَلَمْ تَجِدُوا مَاءً فَتَيَمَّمُوا صَعِيدًا طَيِّبًا ﴾

‚… Wenn ihr aber krank seid oder auf einer Reise oder einer von euch vom Ort der Notdurft kommt oder ihr Frauen berührt habt und kein Wasser findet, dann sucht reine Erde und streicht über eure Gesichter und eure Hände damit …‘ (Surah Al-Ma’idah: 6).

Wasser ist hier ein unbestimmtes Substantiv in einer negativen Formulierung, was im Arabischen impliziert, dass ‚Wasser‘ in dem oben genannten Vers alles umfasst, was allgemein als ‚Wasser‘ bezeichnet wird, ohne Unterscheidung zwischen verschiedenen Arten von Wasser.“


(Die Ersatzform bei Nichtvorhandensein von Wasser: Tayammum mit reiner Erde)

Das heißt, Allah hat „reine Erde“ zum Ersatz für Wasser (als Reinigungsmittel) gemacht, falls kein Wasser vorhanden ist oder man nicht in der Lage ist, es zu benutzen. Die Art und Weise, wie reine Erde zur Reinigung verwendet wird, wurde vom Propheten (ﷺ) durch die Sunnah (Prophetische Überlieferung) aufgezeigt – was, so Allah will, in einem besonderen Kapitel behandelt wird. Somit ist die Festlegung eines solchen Ersatzes für Wasser (d. h. reine Erde) eine Art göttlicher Barmherzigkeit und ein Weg, durch den Allah die Dinge für Seine Diener erleichtert. Allah, Erhaben ist Er, sagt:

﴿ وَإِن كُنتُم مَّرْضَىٰ أَوْ عَلَىٰ سَفَرٍ أَوْ جَاءَ أَحَدٌ مِّنكُم مِّنَ الْغَائِطِ أَوْ لَامَسْتُمُ النِّسَاءَ فَلَمْ تَجِدُوا مَاءً فَتَيَمَّمُوا صَعِيدًا طَيِّبًا فَامْسَحُوا بِوُجُوهِكُمْ وَأَيْدِيكُمْ ۗ إِنَّ اللَّهَ كَانَ عَفُوًّا غَفُورًا ﴾

„… Und wenn ihr krank seid oder auf einer Reise oder einer von euch vom Ort der Notdurft kommt oder ihr Frauen berührt habt [d. h. Geschlechtsverkehr gehabt habt] und kein Wasser findet, dann sucht reine Erde und streicht über eure Gesichter und eure Hände [damit]. Wahrlich, Allah ist stets Allverzeihend und Allvergebend.“ (Surah An-Nisa’: 43)

Ibn Hubayrah sagt:

„Die muslimischen Gelehrten sind sich einmütig einig, dass die Reinigung mit Wasser für jeden verpflichtend ist, der zum Gebet verpflichtet ist, sofern Wasser verfügbar ist; falls kein Wasser vorhanden ist, soll man seinen Ersatz benutzen (d. h. reine Erde), entsprechend dem Qur’an-Vers, in dem Allah, Erhaben ist Er, sagt:

﴿ فَلَمْ تَجِدُوا مَاءً فَتَيَمَّمُوا صَعِيدًا طَيِّبًا ﴾

‚… und kein Wasser findet, dann sucht reine Erde …‘ (Surah An-Nisa’: 43),

﴿ وَيُنَزِّلُ عَلَيْكُم مِّنَ السَّمَاءِ مَاءً لِّيُطَهِّرَكُم بِهِ ﴾

und: ‚… Und Er sandte auf euch vom Himmel Regen herab, um euch damit zu reinigen …‘(Surah Al-Anfal: 11).“


(Zusammenfassung und Kategorien des Wassers)

Dies zeigt die Größe des Islam, der Religion der Reinheit sowie der körperlichen und geistigen Sauberkeit. Es zeigt auch die Erhabenheit des Gebets, das man nicht beginnen kann, ohne sich in zwei Zuständen der Reinheit zu befinden. Der erste ist die geistige Reinheit vom Götzendienst durch das Bezeugen der Einheit Allahs und die aufrichtige und hingebungsvolle Anbetung Ihm gegenüber. Der zweite ist die körperliche Reinheit von rituellen und greifbaren Unreinheiten, die durch Wasser oder dessen gesetzliche Ersatzmittel vollzogen wird. Wir sollten auch wissen, dass Wasser, sofern es sich noch in seinem ursprünglichen Zustand befindet und mit nichts anderem vermischt ist, als rein gilt, worüber die Gelehrten einmütig übereinstimmen. Sie stimmen auch darin überein, dass, wenn sich eine seiner drei grundlegenden Eigenschaften – Geruch, Geschmack und Farbe – aufgrund eines unreinen Gegenstandes verändert, das Wasser als unrein gilt und es unzulässig ist, es als Mittel zur Reinigung zu verwenden. Einige Gelehrte unterscheiden sich jedoch hinsichtlich der Reinheit von Wasser, wenn sich eine seiner Eigenschaften aufgrund eines reinen Gegenstandes verändert hat – wie Baumblätter (wie Lotosbaumblätter), Seife, Pottasche oder ähnliche reine Stoffe – vorausgesetzt, dass ein solcher Stoff in der entstandenen Mischung nicht überwiegt. In der Tat ist die zutreffende Meinung, dass das entstandene Wasser weiterhin als rein gilt und es zulässig ist, es als Mittel zur Reinigung sowohl von ritueller als auch von greifbarer Unreinheit zu verwenden.

Aufgrund des oben Gesagten können wir festhalten, dass Wasser in zwei Kategorien eingeteilt wird:

  1. Reines Wasser, das als Reinigungsmittel verwendet werden kann, sei es in seinem ursprünglichen Zustand oder mit einem reinen Stoff vermischt, sofern dieser nicht so vorherrschend ist, dass er die Zusammensetzung des Wassers verändert oder es in einen anderen Gegenstand verwandelt.
  2. Unreines Wasser, das weder zur Reinigung von ritueller noch von greifbarer Unreinheit verwendet werden kann. Es ist auch das Wasser, bei dem sich eine seiner Eigenschaften (Geruch, Geschmack oder Farbe) aufgrund eines unreinen Gegenstandes verändert hat. Und Allah, Erhaben ist Er, weiß es am besten.

Scheich Saalih al-Fawzaan

Quelle: الملخص الفقهي - „Eine Zusammenfassung der islamischen Jurispudenz“, Band 1, Kapitel 1: Die Reinigung.

Übersetzung: Abu Davut Konyevi.


[1] Die zwei Glaubenszeugnisse: Das Sagen: „Ich bezeuge, dass es keinen Gott gibt außer Allah und dass Muhammad der Gesandte Allahs ist.“
[2] Faqih: Ein Gelehrter der islamischen Rechtswissenschaft.
[3] Ahmad (1005) [1/151], Abu Dawud (61) [1/42], At-Tirmidhi (3) [1/8] und Ibn Majah (275) [1/177].
[4] Tayammum: Das Verrichten der trockenen Waschung mit reiner Erde (wenn kein Wasser vorhanden ist oder man es nicht benutzen kann).
[5] Siehe Majmu‘ul-Fatawa [21/24,25] und [21/331].