Frage:

Ich bin ein Student der (islamischen) Wissenschaft, im ersten Semester, an der Scharia Fakultät. Zu uns kommen einige Angelegenheiten, in denen es unterschiedliche Meinungen gibt. Es kann sein, dass die bevorzugte Stellung (radjih) in manchen dieser Angelegenheiten den Aussagen der Gelehrten von heute widersprechen. Oder wir sehen Angelegenheiten, für die es keine Dominanz (keine sicheren Beweise) gibt. Dadurch sind wir in unseren Handlungen verwirrt.

Wie sollten wir Angelegenheiten begegnen, in denen es unterschiedliche Meinungen gibt, oder wenn wir von den normalen Leuten gefragt werden?

Möge Allah sie belohnen.

Antwort:

Die Frage, die der Fragende stellte, passiert nicht nur den Studenten der Wissenschaft, sondern jedem, im Allgemeinen.

Wenn jemand Unterschiede in einer Fatwa sieht, verwirrt ihn dies; doch darin gibt es keine Verwirrung, denn wenn sich eine Fatwa unterscheidet, muss die Person der Fatwa folgen, die ihr näher an der Wahrheit erscheint, entsprechend ihres Wissens und ihres Imans. Genau wie ein Kranker, der zwei unterschiedliche Diagnosen bekommt; so wählt er die Diagnose, die ihm einleuchtender erscheint. Und wenn ihm die Urteile gleich erscheinen, d.h. wenn er kein Urteil über das andere stellen kann, so sagen manche der Gelehrten folgendes: „Nimm die strengere Position, da sie die sichere ist.“

Andere Gelehrte sagen, dass man die leichtere Variante wählen sollte, da dies der Ursprung der islamischen Schariah ist. Und es wird gesagt, dass er zwischen den beiden wählen sollte. Aber die korrektere Meinung ist die, dass er die leichtere Variante wählen sollte, denn dies ist mit der Aussage Allahs identisch:

{رِيدُ اللَّـهُ بِكُمُ الْيُسْرَ وَلَا يُرِيدُ بِكُمُ الْعُسْرَ}

„Allah will für euch Erleichterung; Er will für euch nicht Erschwernis“ (Surah Al-Baqarah 2:185)

{وَمَا جَعَلَ عَلَيْكُمْ فِي الدِّينِ مِنْ حَرَجٍ}

„und euch in der Religion keine Bedrängnis auferlegt“ (Surah Al-Hajj 22:78)

Und seine (sallallahu alayhi was sallam) Aussage ist folgende: „Macht Angelegenheiten leicht und macht sie nicht schwer.“ (Al-Bukhari in Al-Ilm 69)

Der Ursprung ist das Erfüllen einer Verpflichtung in einer Angelegenheit, bis etwas zu einem gelangt, was den Ursprung vernichtet. Dieses Prinzip gilt für denjenigen, der nicht in der Lage ist, die Wahrheit selbstständig zu erreichen. Wenn er von den Studenten der Wissenschaft ist, so sollte er der Meinung Vorrang geben, die stärker in der Schariah belegt ist, denn es ist bindend für ihn zu forschen, bis er die korrektere Position erkannt hat, in den Angelegenheiten, in denen die ´Ulamaa' (Gelehrten) sich unterscheiden. 

Scheich Muhammad Ibn Salih al-Uthaymin, rahimahullah

Quelle: Kitabud-Dawah 5, Seite 45-47.


Frage:

Was ist die Haltung des Muslims gegenüber den Ikhtilaaf (Meinungsverschiedenheiten) der Fuqaha (Fiqh-Gelehrten) in wissenschaftlichen und fiqh-bezogenen Angelegenheiten? Soll der Muslim das Vorsichtigere wählen, wodurch die Gewissenhaftigkeit erfüllt wird? Und wenn er das Leichtere nimmt, trifft ihn dann etwas? Und wie lautet das Urteil über das Verfolgen von Erleichterungen?


Antwort:

Im Namen Allahs, des Allerbarmers, des Barmherzigen. Alles Lob gebührt Allah. Und möge der Salat und der Salam auf unserem Propheten Muhammad sowie auf seiner Familie und seinen Gefährten sein.

Um fortzufahren:

Gewiss, Allah weiß, dass es Unterschiede im Verständnis und in den Wissensstufen zwischen den Gelehrten geben wird. Allah sagt:

﴿ وَإِن تَنَازَعْتُمْ فِي شَيْءٍ فَرُدُّوهُ إِلَى اللَّهِ وَالرَّسُولِ إِن كُنتُمْ تُؤْمِنُونَ بِاللَّهِ وَالْيَوْمِ الْآخِرِ ﴾

„Und wenn ihr über etwas streitet, dann bringt es vor Allah und den Gesandten, wenn ihr an Allah und den Jüngsten Tag glaubt.“ 

Und Allah sagt:

﴿ فَإِن تَنَازَعْتُمْ فِي شَيْءٍ فَرُدُّوهُ إِلَى اللَّهِ وَالرَّسُولِ ﴾

„Und wenn ihr in irgendetwas uneinig seid, dann bringt es vor Allah und den Gesandten zurück.“ 

Allah, Erhaben ist Er, sagt:

﴿ إِنَّا أَنزَلْنَا إِلَيْكَ الْكِتَابَ بِالْحَقِّ لِتَحْكُمَ بَيْنَ النَّاسِ ﴾

„Gewiss, Wir haben dir das Buch in Wahrheit hinabgesandt, damit du zwischen den Menschen richtest.“ 

Allah sagt:

﴿ وَأَنزَلْنَا إِلَيْكَ الذِّكْرَ لِتُبَيِّنَ لِلنَّاسِ مَا نُزِّلَ إِلَيْهِمْ ﴾

„Und Wir haben zu dir die Ermahnung hinabgesandt, damit du den Menschen erklärst, was zu ihnen herabgesandt wurde.“ 

Der Gesandte Allahs erklärte die Bedeutungen des Qur'an in seiner Sunnah. Deshalb wird zum Buch Allahs und zur Sunnah des Gesandten zurückgekehrt. Was also von den Aussagen der Leute des Wissens mit dem Buch und der Sunnah übereinstimmt, das nehmen wir. Und was von den Aussagen der Leute des Wissens dem Buch und der Sunnah widerspricht, das lassen wir und nehmen das, was mit Beweisen feststeht. Dies betrifft das Fundament der Angelegenheit.

Was die Menschen betrifft, die Fragenden und Bedürftigen, so sind sie von zwei Arten:

Die erste Art: Derjenige, der Fähigkeit im Wissen besitzt und imstande ist, die Aussagen abzuwägen, zu vergleichen und die Beweise zu untersuchen. Dieser kann die Aussagen anhand der Beweise aus dem Buch und der Sunnah analysieren. Was also mit den Beweisen übereinstimmt, das nimmt er und bekräftigt es. Und was den Beweisen widerspricht, das lässt er.

Was die zweite Art betrifft, den gewöhnlichen Muslim oder den Anfänger im Wissenserwerb, der nicht die Fähigkeit und das Verständnis besitzt, die Beweise abzuwägen und anzuwenden, so soll er die Leute des Wissens fragen.

Allah sagt:

﴿ فَاسْأَلُوا أَهْلَ الذِّكْرِ إِن كُنتُمْ لَا تَعْلَمُونَ ﴾

„So fragt die Leute des Wissens, wenn ihr nicht wisst.“ 

Es ist ihm nicht erlaubt, das zu nehmen, was seinen Neigungen oder seinem Geschmack entspricht, und dann zu sagen, dies sei die Aussage der Leute des Wissens. Vielmehr ist es für ihn verpflichtend, wenn er Verständnis für die Beweise hat, das zu nehmen, was mit Beweisen feststeht. Und wenn er kein Verständnis besitzt, dann fragt er diejenigen, die Verständnis für die Beweise haben, und richtet sich nach ihren Fatwas und Aussagen. Dies ist es, woran sich der Muslim halten soll.

Es ist nicht erlaubt, den Erleichterungen zu folgen, die Ausdruck der Aussagen der Leute des Wissens und ihrer Meinungsverschiedenheiten sind. Dies ist Irreführung. Deshalb haben die Gelehrten gesagt, dass derjenige, der den Erleichterungen der Gelehrten folgt, ein Zindiq wird.

Was jedoch die rabbaniyyah (göttlichen) Erleichterungen betrifft, die Allah Seinen Dienern bei Bedarf erlaubt hat, wie das Zusammenlegen der zwei Gebete (Dhuhr+Asr, Maghrib+Ischa) auf Reisen oder bei Krankheit, oder wie das Verkürzen des Gebets auf Reisen und das Fastenbrechen am Tage des Ramadan, so sind dies schariah festgelegte Erleichterungen. Allah, Majestätisch und Erhaben ist Er, hat befohlen, sie bei Bedarf anzunehmen. Der Gesandte Allahs sagte:

{ إِنَّ اللَّهَ يُحِبُّ أَنْ تُؤْتَى رُخَصُهُ كَمَا يَكْرَهُ أَنْ تُؤْتَى مَعْصِيَتُهُ }

„Gewiss, Allah liebt es, dass Seine Erleichterungen in Anspruch genommen werden, so wie Er es hasst, dass Seine Sünden begangen werden.“ 

Was jedoch Erleichterung im Sinne des Folgens der Meinungsverschiedenheiten der Gelehrten betrifft, so ist dies eine Angelegenheit, die nicht erlaubt ist, außer unter schariah festgelegten Bedingungen.

Scheikh Salih bin Fawzan al-Fawzan


Siehe auch: Ist Meinungsverschiedenheit (Ikhtilaf) eine Rahmah?