Frage:

Ich bin ein Talib al-Ilm (Student des islamischen Wissens). Ich werde oft gebeten, Fragen zu Ibadah oder anderem zu beantworten, und oft kenne ich die Antwort gut, sei es durch Hören von einem unserer geschätzten Gelehrten oder durch Lesen von Fataawa, aber es gelingt mir nicht, prompt die richtige Beweisführung darzubieten. Dies macht es mir unmöglich, dem, was ich sage, eine Gewichtung zu geben. Was empfehlen Sie mir und anderen Tullab al-Ilm in dieser Hinsicht zu tun?

Antwort:

Geben Sie keine Fatwa heraus, es sei denn, Sie haben tiefe Einsicht. Es ist besser für Sie, die Fragesteller an andere im Land zu verweisen, von denen Sie glauben, dass sie besseres und mehr religiöses Wissen haben als Sie. Andernfalls können Sie sie bitten, Ihnen eine Zeit zu geben, in der Sie die Beweise überprüfen und die Frage genauer untersuchen können. Sobald Sie sich der genauen Beweise sicher sind, können Sie ihnen eine Fatwa gemäß dem geben, was Sie an genauen Beweisen finden.

Aufgrund dieser und ähnlicher Fragen rate ich auch Lehrern, die Aufmerksamkeit ihrer Studenten auf die Gefahr hinzuweisen, unwissentlich eine Fatwa zu erteilen, und sie zu ermutigen, sich zuerst der richtigen Antworten sicher zu sein, nicht in Eile und keine spontane Fatwa zu erteilen, es sei denn, sie sind sich sehr sicher. Sie sollten ihren Studenten in dieser Hinsicht ein gutes Beispiel geben, indem sie innehalten, wenn etwas fraglich ist, und versprechen, es später zu überprüfen.

Stattdessen sollten sie ihren Studenten versprechen, Fragen sorgfältig in ein oder zwei Tagen zu prüfen oder sie in der nächsten Unterrichtsstunde zu beantworten. So gewöhnen sich die Studenten an dieses Verhalten ihres Lehrers, keine spontane Fatwa oder Urteil zu erteilen, außer nach Überprüfung und Untersuchung von Beweisen und Sicherstellung der Meinung ihres Lehrers. Es ist nichts Falsches daran, wenn der Lehrer seine Antwort auf eine Frage auf einen späteren Zeitpunkt zu verschieben, um sich Zeit zu geben, die Beweise zu prüfen und die Meinungen anderer Gelehrter zu einer bestimmten Frage zu überprüfen.

Es wurde berichtet, dass Malik nur in einer minimalen Anzahl von Fragen eine Fatwa erteilte und sich in viel mehr Fragen von einer Fatwa enthielt; er antwortete oft: "Ich weiß es nicht". Viele andere Gelehrte verhielten sich auf diese Weise.

Die charakteristischsten Merkmale der Studenten sind, sich nicht zu beeilen mit der Antwort und zu sagen: "Ich weiß es nicht", in Fällen, in denen man es wirklich nicht weiß.

Lehrer haben eine große Verpflichtung. Sie sollten in ihren Manieren und Handlungen ein gutes Beispiel für Studenten setzen. Beispiele für diese guten Manieren sind, die Studenten daran zu gewöhnen zu sagen: "Ich weiß es nicht" und das Antworten auf Fragen zu verschieben, bis sie ihre Beweise oder Urteile vollständig verstehen. Lehrer sollten Studenten vor der unwissenden und kühnen Erteilung von Fatwas warnen.

Möge Allah uns Erfolg gewähren!

Scheich Abdulaziz bin Baz, rahimahullah

Quelle: Majmu’ al-Fatawa Ibn Baz, Teil 7, Seite 242.


Imam al-Schafi'i (rahimahullah) sagte:

Es ist niemandem erlaubt, über die Religion Allahs zu urteilen oder Fatawa zu geben, außer:

  • jemandem, der das Buch Allahs (dem Quran) kennt: seine abrogierten und ersetzenden Verse, seine eindeutigen (muhkam) und unklaren (mutaschabih) Verse, dessen Interpretation (Ta’wil) und dessen Offenbarung (Tanzil), die mekkanischen (vor der Hijrah) und medinensischen Verse (nach der Hijrah), was damit gemeint ist und in welchem Zusammenhang es offenbart wurde.
  • Dann muss er Einsicht in die Ahadith des Gesandten Allahs haben, in abrogierende und abrogierte Ahadith, und die Ahadith so verstehen wie er den Quran versteht.
  • Zudem muss er der (arabischen) Sprache gewandt sein, einsichtig in der Dichtung/Poesie und in dem, was er für das Wissen und den Koran benötigt.
  • Dabei muss er Gerechtigkeit (Insaf) und Wortkargheit (qillat al-kalam: Zurückhaltung im Sprechen) praktizieren.
  • Danach muss er einen Überblick über die Meinungsverschiedenheiten der Leute der verschiedenen Länder haben.
  • Schließlich muss er nach diesem Wissen auch über eine (natürliche) Begabung dazu verfügen.

Quelle: Von al-Khatib al-Baghdadi überliefert in الفقيه والمتفقه „al-Faqih wa al-Mutafaqqih“, Band 2, Seite 331.

Übersetzung: Abu Davut Konyevi.